Mit Care-Verantwortung im Job

Zwei Hände geöffnet, die ein Papierboot festhalten. Das Papierboot ist aus einem linierten Blatt gefaltet

Strukturelle Barrieren erkennen und Selbstwirksamkeit stärken

Wenn Sie berufstätig sind und gleichzeitig Care-Verantwortung für Kinder, pflegebedürftige Angehörige oder andere Personen übernehmen, kennen Sie bestimmt Momente, in denen Ihr Alltag besonders herausfordernd ist. Sie haben praktisch nie Feierabend und jonglieren zwischen privaten und beruflichen Anforderungen enorm. Vielleicht haben Sie erlebt, dass Überstunden, ständige Erreichbarkeit oder unausgesprochene Erwartungen Sie zusätzlich belasten oder dass Ihre Verantwortung stillschweigend abgewertet wird. Vielleicht werden Sie auch komisch angeguckt, wenn Sie Meetings früher verlassen müssen, weil Sie Ihre Kinder aus der Kita oder Schule abholen müssen.

Es ist frustrierend, wenn es scheint, als müssten Sie ständig beweisen, dass Sie alles „unter einen Hut“ bringen können. Und manchmal haben Sie das Gefühl, dass Ihre Erfahrungen und Bedürfnisse überhaupt nicht gesehen werden. Wichtig ist: Diese Barrieren sind strukturell und liegen nicht an Ihnen.

Typische Situationen für Menschen mit Care-Verantwortung

Für viele berufstätige Personen mit Care-Verpflichtungen zeigen sich Diskriminierungen und Benachteiligungen besonders deutlich in Alltagssituationen:

  • Subtile Barrieren im Bewerbungs- oder Beförderungsprozess: Auch wenn direkte Fragen zu Care-Verpflichtungen nicht erlaubt sind, entstehen oft unbewusste Annahmen, die Entscheidungen beeinflussen, z.B. die Annahme, dass Mitarbeitende mit Care-Verpflichtungen „weniger flexibel“ oder „weniger belastbar“ seien und dafür für bestimmte Positionen oder Aufgaben gar nicht erst eingeplant oder gefragt werden.

  • Überstundenkultur und ständige Erreichbarkeit: Erwartungen, jederzeit verfügbar zu sein, kollidieren häufig mit familiären Pflichten.

  • Unsichtbare Erwartungen im Team: Kolleg*innen oder Vorgesetzte gehen stillschweigend davon aus, dass alle dieselben Ressourcen oder Zeit haben.

  • Mikroaggressionen oder Kommentare: Sätze wie „Du musst einfach flexibel sein“ oder „Du wolltest doch Kinder“ wirken klein, hinterlassen aber große Spuren.

All dies sind strukturelle Barrieren, die nicht Ihre Fähigkeiten infrage stellen. Mit gezielten Strategien können Sie jedoch Wege finden, sich zu schützen, sichtbar zu bleiben und Ihre Handlungsmöglichkeiten zu stärken.

Strukturelle Barrieren belegen die Zahlen

Studien zeigen, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes konnte aufzeigen, dass:

  • Rund 41 % der Eltern, aufgrund von Elternschaft oder Kinderbetreuung mindestens einmal Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt haben

  • 27 % der Pflegepersonen mindestens einmal Benachteiligung wegen ihrer Pflegeverpflichtungen erleben mussten.

  • 62 % der Eltern von negativen Erfahrungen beim Wiedereinstieg nach Elternzeit berichten, etwa wegen fehlender Flexibilität bei den Arbeitszeiten.

  • 48 % der Pflegepersonen konkrete Nachteile wie fehlende Rücksichtnahme bei Terminen oder schlechtere Leistungsbewertungen erlebt haben.

Diese Zahlen verdeutlichen: Diskriminierung im Kontext von Care-Verantwortung ist ein strukturelles Problem (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2022).

Es mangelt deutlich an den passenden Rahmenbedingungen oder konkreten Unterstützungsangeboten für Personen, die Fürsorgepflichten wahrnehmen. Erwerbsarbeit hat in unserer Gesellschaft nach wie vor einen höheren Stellenwert als Sorgearbeit. Daher wird von Eltern oder Personen mit Pflegeverantwortung erwartet, dass sie genau so viel leisten wie Menschen ohne Care-Verantwortung.

Wie Sie sich selbst stärken können

Neben dringend erforderlichen Maßnahmen zur Anpassung der Vereinbarkeitsstrukturen in den Unternehmen, kann Coaching ein wertvoller Begleiter für Personen mit Care-Verpflichtungen sein. Es hilft, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren, Muster zu erkennen und konkrete Handlungsoptionen für den Alltag zu entwickeln, statt sich von der Belastung lähmen zu lassen. Ziel ist es, Ihre Selbstwirksamkeit, Sicherheit und Handlungsfähigkeit zu erhöhen.

Drei praktische Tipps für den Alltag

Kleine, konkrete Schritte helfen, Ihre Bedürfnisse sichtbar zu machen und sich Respekt zu sichern:

  1. Situationen dokumentieren und reflektieren
    Schreiben Sie kurz auf, was belastend war, wann es passiert ist und wie Sie reagiert haben. Aufschreiben hilft Abstand zu der Emotion zu gewinnen und Sie erkennen Muster, aus denen Sie Strategien für nächste Male ableiten können.

  2. Netzwerke und Unterstützung suchen
    Tauschen Sie sich mit Kolleg*innen oder externen Personen dazu aus. Gemeinsamer Austausch schafft Sicherheit und eröffnet oftmals neue Perspektiven. Aber dabei nicht vergessen: jede Perspektive ist nur ein Angebot und kein Auftrag, wählen Sie daher bewusst aus, was sie wirklich stärkt und Sie weiterbringt. 

  3. Grenzen klar und realistisch formulieren
    Probieren Sie bewusst Nein zu sagen in Situationen, in denen Sie normalerweise Ja sagen würden, obwohl Sie keine Kapazität dafür haben, z.B. mit dem Satz „Ich kann Dir diesmal nicht weiterhelfen, da ich selbst so viel zu tun habe und mein Zeitplan straff ist“. Reflektieren Sie danach, wie sich das Nein sagen für Sie angefühlt hat und wie Ihr Gegenüber darauf reagiert hat. Meist kommt gar keine so negative Reaktion wie Sie erwarten und Sie fühlen sich selbstsicherer.

Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen

Mein diskriminierungssensibles Coaching unterstützt Sie dabei, gemachte Erfahrungen zu reflektieren, Strategien zu entwickeln und sich im Alltag handlungsfähig zu positionieren. Sie lernen, Ihre Stärken sichtbar zu machen, strukturelle Barrieren zu erkennen und selbstbewusst für Ihre Bedürfnisse einzustehen. Und zwar ohne Schuldgefühle, dafür mit klarer Orientierung und eigener Handlungs- und Gestaltungsmacht.

Sie haben es verdient, dass Ihre Kompetenzen gesehen werden und Ihre Lebensrealität respektiert wird. Lassen Sie uns gemeinsam Wege finden, die Ihre Erfahrungen wertschätzen und Sie stärken.

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